HVÁLA, DRAŽENKA.

#WILDE GEISTER

Seitdem wir unser aktuelles Pathos Legal Album „Du, mein wilder Geist“ veröffentlicht haben, werden wir oft gefragt: Wer oder was ist der wilde Geist? Unsere Antwort fällt jedes Mal etwas anders aus. Mal ist es ein Gemütszustand, ein wagemutiger Moment, in dem du aufstehst und einer wilden Idee gegen alle Widerstände nachgehst. Mal ist es die innere Stimme, die dich ruft und ganz nah zu dir führt. Mal die unbewusste Auflehnung gegen die Dressur der Dinge. Ein Loslassen der Gewohnheitstiere. Eine individuelle Lebensweise. Wir mögen, was wir kennen. Bis wir was Neues kennenlernen. Wir machen, was wir immer gemacht haben. Bis jemand kommt und es anders macht. Einfach so ohne groß darüber nachzudenken. Während der Entstehung unseres Albums haben wir uns vielen neuen Dingen geöffnet und sie anders gemacht. Wir haben nicht nur uns selbst besser, sondern auch andere Menschen neu kennengelernt, die uns auf ihre ganz eigene Art mit ihrem Talent und ihrer Gesellschaft bereichert haben. Was sie verbindet ist nicht nur die Zusammenarbeit mit uns, sondern auch ihr Freigeist, ihr eigenes Lebenskonzept und ihre kreative Rebellion und ihr Mut. Der Zufall, das Schicksal oder ein stiller Ruf hat uns zu diesen besonderen Menschen geführt und deshalb beginnt unsere Spurensuche nach den wilden Geistern bei ihnen. Wir laden dazu ein, sie mit uns gemeinsam zu entdecken.

Auf den Spuren der wilden Geister – Folge 3:
Das dritte Interview führte uns zu Draženka Kaestner. Sie hat uns als Visagistin bei unserem Videodreh zu unserem Albumsong „Keine Kunst“ begleitet und uns in einem späteren Gespräch ihre Geschichte anvertaut …

„HVÁLA, DRAŽENKA.“

Ein feines Halstuch, Perlenohrringe, ein Reihenhaus, Struktur und Ordnung … wenn Draženka Kaestner heute auf diesen einen längst vergangenen Lebensabschnitt zurück blickt kann sie lachend und selbstbewusst feststellen: „Der konventionelle Lebensstil ist mir nicht gelungen.“ Was zunächst als Heilungsprozess, als ruhiges Leben nach Jahren des Krieges und der Flucht angedacht war, entpuppte sich als nicht für sie gemacht. „Nicht für mich. Es war nicht der Hafen für mein Schiff.“, sagt Draženka und fügt hinzu, dass diese Zeit zugleich für viel Schönes steht. Damals ist sie aus Liebe dem Mann ihres Lebens gefolgt und sie haben gemeinsam eine bezaubernde Tochter namens Georgi bekommen …

„Ich habe meine Heimat verloren, ich werde sie nie wieder finden. Ich werde meine Heimat in meinem Herzen tragen, egal wo ich bin.“

04. April 1995. Nach 3 ½ Jahren Krieg, nach der Flucht aus Sarajevo und der begleitenden Ungewissheit, ob die Familie noch am Leben ist, konnte Draženka ihren Bruder endlich wieder in die Arme nehmen. Das war ihr Ziel und sie erreichte es genau an seinem Geburtstag. Sie sehnte sich nach einem ruhigen und sicheren Leben. Nur Durchatmen nach den unbeschreiblichen Strapazen und Erlebnissen. In Frankfurt fand sie einen ersten Bezugspunkt bei ihrem Bruder, der zuvor geflüchtet war. Mit der Stadt verbindet sie Liebe und Freunde. Menschen, die ihren Bruder und später auch mit Hilfsbereitschaft und Anteilnahme empfangen haben. Den Krieg überlebt zu haben war die eine Sache, seine Bilder zu verarbeiten eine ganz andere. „Ich wollte danach nur noch Schönes sehen.“, sagt Draženka. „Ich wollte mit den Augen genießen und die Leichtigkeit erfahren. Nichts sehen oder hören, was nicht schön ist.“ Sie begann als Model und später auch als Visagistin zu arbeiten und tauchte ein in eine Welt voll Glamour und Luxus. Sie heiratete, wurde Mutter, zog mit Mann und Kind nach Bonn in ein Reihenhaus und wartete. Sie wartete bis der Mann abends nach der Arbeit nach Hause kam, wartete darauf, sich an diese neue Struktur und Ruhe in ihrem Leben gewönnen zu können. Sie liebte das Muttersein und sagte sich, ihre Heimat ist überall dort, wo ihre Tochter ist und so zog es sie zusammen mit Georgi zurück nach Frankfurt.

 

Draženka und ihre Tochter Georgi in Florenz, September 2016.

„Jetzt mache ich die Menschen innen und außen schön.“

Draženka scheint heute bei sich angekommen zu sein. Sie kann wieder eine Zeitung lesen, die Nachrichten ansehen oder Kerzen auf dem Tisch anzünden, ohne an den Krieg zu denken. Und, es fällt ihr leicht zu akzeptieren, dass sie zu den Menschen gehört, die immer weiter und loslassen müssen. Loslassen von Konventionen oder Lebensmodellen, in die man doch nicht so gut passt, wie man dachte. Auch aus beruflicher Sicht. Heute arbeitet Draženka mit Kindern und sorgt für ein harmonisches Miteinander in Familien. Sie beschreibt Werte wie Liebe, Toleranz und Zuneigung, die den Kindern oft zu kurz kommen und die manchmal auch die Eltern überfordern würden. Draženka erzählt von ihrer Arbeit mit einer zufriedenen und mitfühlenden Stimme. Und, sie findet auch Abstand und Ausgleich, nimmt weiterhin ausgewählte Aufträge als Visagistin an und besucht vereinzelte Fashion- und Szeneevents, zu denen sie weiterhin geladen wird. „Jeder trägt mehrere Persönlichkeiten in sich.“, sagt sie überzeugt und lacht: „Ich versuche allen Draženkas gerecht zu werden.“

„Dinge, die man nicht erklären kann.“

An Zufälle glaubt sie nicht, zu häufig wurden ihr Menschen wie auf einem Silbertablett serviert, erzählt sie. Menschen, die wertvolle Begleiter und enge Freunde wurden. Klar, sie ist auf jeden Fall ein wilder Geist, ein starker Charakter und vieles gestaltet sich aus ihrer eigenen Kraft. Doch für Draženka ist es Fügung. „Es sind Dinge, die kann man nicht erklären, wie das Gefühl, wenn jemand auf dich schießt.“ Auf die Frage, was sie heute hört, wenn es still um sie herum wird, antwortet sie lachend: „Meinen Tinnitus. Aber auch, die Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft.“ Sie malt in Gedanken Bilder von einem mittelgroßen, gedeckten Tisch. Nicht zu groß, so dass sich ein jeder die Hand reichen kann und nicht zu klein, so dass die ganze Familie und alle Freunde Platz finden können.  Auf die Frage, welches Wort sie wählen würde, hätte sie nur noch eines zu sprechen, sagt sie schnell: „Hvála. Danke, in ihrer Muttersprache“. Dem schließe ich mich an. Hvála, Draženka!

Das Interview wurde geführt von Alexandra Helena Becht.